#8 Ich bin deine Mutter!

Ob Unterhaltungen, Diskussionen oder auch Streitigkeiten, die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter ist geprägt von Nuancen, leisen und lauten Tönen und ganz viel “Zwischen den Zeilen”. Die unzähligen Tonarten werden nur von bestimmten Personen erkannt bzw. als diskussionswürdig empfunden. Ein Beispiel: Der Spruch “Ich bin deine Mutter!” stellt zunächst und für sich genommen eine Tatsachenbeschreibung dar. Aber in ihm, und das erkennen nur die erfahrenen Töchter, steckt viel mehr.

Mit “Ich bin deine Mutter!” ist also etwas anderes gemeint als tatsächlich gesagt wird. Aber was will mir dieser Satz sagen? Vielleicht ist es sinnvoll, wenn ich mir zunächst überlege, in welchen Situationen er mir begegnet. Ich erinnere mich, dass “Ich bin deine Mutter!” von meiner Mutter vor allem benutzt wird, um zu zeigen, welche Rolle sie und ich jeweils einnehmen. Ich bin die Tochter und sie ist die Mutter. Sie hat also einen gewissen Einfluss auf mein Sein und Handeln. Ich lerne von ihr, sie zeigt mir den Weg und sagt, was ich zu tun und zu lassen habe. Sollte mir die Hierarchie einmal nicht deutlich genug sein, stellte sie sie damit wieder her. Oftmals endete damit auch die Diskussion. Meine Mutter machte deutlich, dass man sich ausgetauscht habe, ich mich aber “offensichtlich” zu weit aus dem Fenster gelehnt habe.

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Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen? Moment mal! Das Interessante ist nämlich, dass ich als Tochter, anstatt die Situationen, von denen es viele gab, so anzunehmen und den Spruch in seiner tatsächlichen Bedeutung zu verstehen, darauf mit einer bestimmten Art reagiere. Ich erwiderte leicht genervt: “Ja, das ist mir bewusst, glaube mir!” oder “Ja, das bist du! Und?”. Und dann gab es meistens zwei Wegen, die entschieden damit zusammenhingen, wie ich meine Reaktion formulierte und welche Nuance ich wählte: entweder ich gab leise klein bei und die Diskussion war beendet oder es entfachte eine größere, grundsätzlichere Auseinandersetzung, die sich dann eher um Rollenverständnisse, unterschiedliche Wahrnehmungen und den ganzen Kram drehte.

Durch die stetige Wiederholungsschleife dieses Spruchs und meiner Reaktion darauf, frage ich mich, ob ich auch noch als 50-Jährige diese Diskussion führen werde. Ich vermute leider ja, auch weil es gar nicht so lange her ist, als ich sie das letzte Mal geführt habe. Vielleicht weil ich die Nuancen und unzähligen Tonarten zwar grundsätzlich kenne, aber aus unerklärbaren Gründen in diesen Situationen nicht angemessen erkennen kann. Vielleicht auch, weil wir Beide nicht anders reagieren wollen, den das leicht genervte, trotzige Verhalten ändert sich nämlich auch nicht. Vielleicht weil es zwischen Mutter und Tochter einfach immer so bleiben wird und muss.

Meine Feststellung: grundlegend ändert sich gar nichts, denn die Tochter bleibt immer die Tochter und die Mutter immer die Mutter – ganz egal wie alt und groß sie sind.

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